Mein episodischer Speicher

 

Quelle: Bernhard Nürnberger: Der Gryllenkäfig, S. 150 ff., Verlag der Universität der Künste Berlin, 2010
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From: Bernhard Nürnberger
To: Reent Schwarz
Sent: Friday, July 10, 2009 12:59 PM
Subject: Re: Fw:


Lieber Reent,
wie telefonisch besprochen, schicke ich dir den Text deiner Ausstellungskritik aus dem Tagesspiegel vor 40 Jahren.
Ich möchte ihn gern in der Kapiteleinleitung verwenden.
In der Bilderansammlung meines "episodischen Speichers" finden sich - in etwa zeitlich geordnet - Fotos mit Dingen, von denen ich glaube, dass sie mich in irgend einer Weise zur Installation des Gryllenkäfigs geführt haben könnten. Die ältesten, in der Leserichtung die letzten, stammen aus der Mitte der 60er Jahre. Eine Auswahl im Rückblick. Eine Konstruktion. Dabei sind einige Fotos der "Häuserbilder" aus meiner ersten Ausstellung in Berlin, die Du besprochen hattest.
Was geht Dir durch den Kopf nach dem Lesen deines Artikels ?
Schick mir 'ne mail.

Herzlich Salut!
Bernhard
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Nürnbergers Lüneburger Häuser
Eine Ausstellung in der Galerie Zentrifuge
Vor einiger Zeit forderte der Architekturhistoriker Julius Posener in diesen Spalten dazu auf, in die Kritiken und Besprechungen dieser Seite neben Konzerten, Ausstellungen und Theaterereignissen auch die Produktionen der Architekten einzubeziehen. Häuser sollten ? wegen ihrer Bedeutung für die äußeren Lebensumstände jedes einzelnen ? begutachtet und ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmer auch kritisiert werden.
Das ist bis jetzt unterblieben; die ersten Häuser, die jetzt nach diesem Aufruf hier zur Sprache kommen, brauchen keine Schallisolierung, Verkehrsverbindungen oder Kindergärten. Sie gehören zur bildenden Kunst und werden von dem 26jährigen Maler Bernhard Nürnberger unter dem Titel Subjektive Ansichten einer Stadt in der Galerie Zentrifuge ausgestellt.
Eigentlich sollte man sie weniger als "Häuser" denn als "Fassaden“, "Giebel" oder "Kulissen" bezeichnen. Aus Holzlatten und Leinwand zimmert Nürnberger die Vorderfronten alter Lüneburger und Schöneberger Häuser, baut Balkons und Nischen an, bewegliche Klappen und Stützen, und bemalt die gesamte Konstruktion nicht nur mit Gesimsen, Fensterhöhlen und Klinkersteinen, sondern außerdem auch noch mit frei assoziierten und surrealistischen Einsprengseln: mit Durchblicken durch Bettensäle, mysteriösen Vertreibungsszenen und rätselhaften Gestalten, die sich merkwürdig mit den altertümlichen Kulissen verbinden.
Die ältesten Bilder der Ausstellung halten sich noch an die ebene, rechtwinklige Fläche des Tafelbildes, über das Nürnberger hinauskommen möchte, wie er programmatisch erklärt. Und angesichts seiner vielteiligen, beweglichen, verschachtelten Konstruktionen muss man zugeben, daß ihm das sehr gut gelungen ist. Man merkt den "Häusern“ noch das Vergnügen an, mit dem die Bedingungen der regelmäßigen Bildfläche außer Kraft gesetzt wurden und nach oben und nach unten, nach hinten und nach vorn angestückt, vorgebaut und durchbrochen wurden.
Aber im weiteren Sinne geht der umstürzlerische Elan leider in den Wind, da "Tafelbild" sehr vereinf achend mit "rechtwinkliger Bildtafel" gleichgesetzt wurde, was von Walter Benjamin bei seiner Kritik dieser Kunstform bestimmt nur sehr nebensächlich hierunter verstanden wurde. Alle wesentlichen Kategorien des Tafelbildes entwickelt Nürnberger noch in ungetrübter Art und Weise, so dass er ? statt das Tafelbild zu überwinden ? noch eine eigene Variante zur Verlängerung des Lebens dieser Kunstform beisteuert.
Reent Schwarz
(Galerie Zentrifuge, Sybelstraße 38, bis 15. Oktober täglich ab 19 Uhr).
Tagesspiegel 9. 9. 1969
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From: Reent Schwarz
To: Bernhard Nürnberger
Sent: Friday, July 10, 2009 12:59 PM
Subject: Re: Fw:


Lieber Bernhard! Ich bin umgehend versackt in einen Rückblick in jene Jahre, auf meinen eigenen erhitzten Kopf und die Texte, die ihm damals entsprungen sind zur Debatte um die gesellschaftliche Funktion der Kunst usw. Aber bevor ich noch darüber weiter sinniere: Könntest du mir noch Fotos der Häuserbilder mailen? Ich erinnere mich zum Beispiel nicht mehr an die "mysteriösen Vertreibungsszenen und rätselhaften Gestalten" , von denen im Text die Rede ist. Ich war, glaube ich , damals ein sehr selbstüberzeugter Beurteiler, darum würde ich mir gern noch einmal ansehen, was damals für mich so einfach "eine in den Wind gehende " künstlerische Bemühung war.
Gruß Reent
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From: Bernhard Nürnberger
To: Reent Schwarz
Sent: Friday, July 10, 2009 12:59 PM
Subject: Re: Fw:


Lieber Reent,
Internet macht's möglich, dass ich die wenigstens das link http://www.galerie-imaginaire.de/cartoon1.htm
schicken kann. Dort findest Du ein Hausbild im zeittypischem "Verwerfungs"zusammmenhang, das ich 1970 in der Freien Berliner Kunstausstellung zeigte. Es ist zufälligerweise das, auf dem die fragliche Szene dargestellt ist, allerdings nur zu erahnen. Die Leinwände liegen abgespannt und zusammengerollt in meinem Keller.
Vor 40 Jahren ging ein strenger Wind.

Salut.
Bernhard

From: Reent Schwarz
To: Bernhard Nürnberger
Sent: Friday, July 10, 2009 12:59 PM
Subject: Re: Fw:


Meine Güte, Bernhard,
das Bild mit dem HULK hast du also auch gemacht in jenen Jahren, in denen wir uns mächtig angestrengt haben zu einer Neubestimmung unserer künstlerischen Praxis zu kommen. Im "kritischen Durchschauen" war ich voll dabei und unseren Genossen und Vorturnern ( SDS-Gruppe Kultur und Revolution, Wolfgang Fritz Haug, Bazon Brock und wer sonst noch alles) dicht auf den Fersen. Wir waren nicht blöd und auch nicht unbegabt, aber ich kann das Zeug, das ich in jenen Jahren gemacht habe, nicht ansehen. (1969-1971) Totgeburten! Und deine Produkte dieser Phase liegen also auch abgespannt im Keller? Oder stehst du zu ihnen und deinem damaligen Wechsel vom Maler zum Cartoonzeichner mit Anliegen?
Du weißt, dass mir deine Ausstellungen der letzten Jahre (Volkswagenbibliothek, Gotisches Haus Spandau ) sehr gefallen haben. Mein Grundgefühl dabei : Da ist der Bernhard Nürnberger, und da sind seine Mittel und seine Themen, mit denen er sich völlig auskennt und so eins nach dem andern realisieren kann! Und (fast) alles stimmt! Wie schön!
Reent.
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From: Bernhard Nürnberger
To: Reent Schwarz
Sent: Friday, July 12, 2009 19:45 PM
Subject: Re: Fw:

 

Lieber Reent,
ich hatte – bald nach der Ausstellung der Häuserbilder – meine künstlerische Praxis storniert. Mit Hulk meine Malerei ins Off befördert. Die Schule hat mich absorbiert, der Sprung ins kalte Wasser. Zum Glück waren da die anderen Nichtschwimmer und das gemeinsame, „unheimlich wichtige“ Ziel, die Schule, den Kunstunterricht radikal zu verändern, neu zu erfinden. War ernst und hat Spaß gemacht..... Du kennst das.
Das Karikaturenzeichnen hat sich erst allmählich gegen Mitte Ende der 70 Jahre entwickelt, erst für die Kollegen, die Gewerkschaftsgruppe, usw.
Ich stehe zu den Häuserbildern, die Fotos vermitteln mir die schöne Vorstellung von meinem Wollen. Vor ein paar Jahren habe ich die Leinwände mal kurz auf- und schnell wieder zusammengerollt.
Erst der Fund deines Zeitungsartikels brachte mich übrigens darauf, sie in den „Episodischen Speicher“ aufzunehmen. Die mir damit aufgenötigte Erinnerung an meine leichtsinnige Verwendung der benjaminischen Begriffs der Überwindung des Tafelbildes für meine Bild-Objekte, zeigt mir, jenseits von Benjamin überwinde ich das Bildtafel noch immer. Ausgang unbestimmt. Zur Zeit finden sich Varianten der Verlängerung ... dieser Kunstform im Käfig wieder und müssen ein flaches Rechteck betrachten.
Salut!
Bernhard
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