Die Erleuchtung Lornas

 

Quelle: Bernhard Nürnberger: Der Gryllenkäfig, S. 168, Verlag der Universität der Künste Berlin, 2010

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Die Erleuchtung und Verzückung Lornas während ihrer Besuche in der galerie imaginaire im Gotischen Haus zu Spandau und im Licht-hof der Bibliothek der Universität der Künste und der TU in Berlin im Frühjahr 2008


From: "Malte Wienebüttel“
To: <bernue@galerie-imaginaire.de>
Sent: Fryday, October 30, 2009 2:03 AM
Subject: Du bist für mich der Haubentaucher, ich gebe nun den tauben Haucher.


Lieber Bernhard,

hier mein ballhornisches, konglomeratisches, brekziöses, skriptoklastisches, grillatrisches Summelsarium deiner Textfundstücke*. Für Lorna. Auf einen Anhang mit Literaturhinweisen verzichte ich wie weiland Wilhelm Fraenger. „Der Fachwissenschaftler weiß, wo er Zitate zu finden hat, wenn er etwa die Richtigkeit kontrollieren möchte.“
Salut
Malte.

Wer ist Lorna?
Widme Dich selbst, lieber Leser, Lorna. Stelle dich vor ihre in eine Art Brautstaat gewandete, lebensgroße Figur, stelle Dich ihr in your mind gegenüber. Sie ist tatsächlich mehr er- als beleuchtet, ein inneres Strahlen erhellt ihr Gewand und ein unablässiges, blitzendes Zucken das Innere ihres männlich-herben Antlitzes. Ihr Gefühl siedelt zwischen Gruseln und Lachen, Anziehung und Abscheu.
Für Dich bedeutet es eine Menge, dass Du vor ihr stehst. Mit Deinem Ansatz hat das, was sie will, ganz und gar nichts zu tun. Mit Dir möchte sie nicht zusammen erscheinen.

Lorna, capricciosa e calva.
Racapriccio der Schauder, racapricciare ist schaudern seit Dante; auf seinem Kopf - capo – sitzt ein Igel - richio –seine Haare stehen zu Berge, während in seinem Hirn die Ziege – capra - Sprünge aufführt, das examen des ingenios durchläuft, als Voraussetzung der Kreativität in Wissenschaft und Kunst, ohne Kopf und Igel und Ziege bleiben wir an einer einzigen Betrachtung hängen und können uns nicht einbilden, dass in der Welt noch etwas anderes zu entdecken sey, im Wachzustand ist der Mensch weise, im Traum aber ist sie ein Gott, Lorna in estasi, wird ihre Phantasie von der Vernunft verlassen, so erzeugt sie, Lorna imaginaire, Monstren, sie ist nicht das Heimchen am Herde, sein Name ist Gryllos, Gryllos, ein antiker Name für einen Typus von lächerlicher Erscheinung;
gemalte Karikatur, Grylloi, ein falscher Name für zusammengesetzte Wesen aus Tierteilen und Masken auf Gemmen zu finden, wogegen all das, was als Nachbildungen von wirklichen Dingen entlehnt wurde, wird aber infolge entarteter Sitten - iniquis moribus - abgelehnt; denn man malt lieber Ungeheuerlichkeiten - monstra - als naturgetreue Nachbildungen von ganz bestimmten Dingen, von denen die einen Menschen-, die anderen Tierköpfe haben, so etwas aber gibt es nicht, kann es nicht geben, hat es nicht gegeben, die Grotesken als Träume in der Malerei - sogni della pittura - sind abzulehnen, im Wachzustand ist der Mensch das Heuschreckenmännlein, gryllus, aufgrund der Ähnlichkeit mit dem lateinischen grillus („Grille“) irrtümlich gleichgesetzt, die Ahnen Lornas, die Statuetten von Mahdia, Karikaturen des Hellenismus, Grylloi (xantippe!), grotesk verwachsene Krüppelfigurinen, Grylloi für eine lächerliche Art der Menschendarstellung, wird bis in die christliche Spätantike verwendet, Augustinus vertritt die Auffassung, Missgestalten verkörpern das Böse und Bernhard von Clairvaux hält ihre Darstellung für ein Laster, hast du mal die Bilder von Königen gesehen, wie von den Personen, die einen wohl gewachsen, gut proportioniert und rundum schön, die anderen grylloshaft und lächerlich, so wird dort wie in einem Bild alles sichtbar gemacht werden, ein Maler wäre nicht deshalb keine Fachmann seines eigenen Wissensbereichs und wäre nicht aus dem Grunde ohne Können, weil er oft nicht zusätzlich den Willen hat, die erstgenannten zu bewahren, sondern er will ruinieren, letzterer zum Schaffen schöner Bilder, sondern er will Grylloi zeichnen, denn er wird sagen, er wolle sogar mit Wissenschaft und das Hässliche exakt darstellen, dass sie ein Musterbeispiel für Hässlichkeit sind, die im ausgesprochenen Gegensatz zur Schönheit von kalos steht, Gryllos heißt ein von Circe zum Schwein - grylus - verwandelter Gefährte des Odysseus, Gryllos sei die Bezeichnung eines vulgären Tänzers mit zügelloser, schweinischer, unanständiger Gestik, Gryl(l)os war die Benennung eines Mimenanführers und berüchtigten Spaßmachers am Hof des byzantinischen Kaisers Michael III, der zusammen mit einer Gruppe von elf Kumpanen die christliche Religion parodiert und beleidigt haben soll, Grylloi als krüppelgroteske Darsteller von in estasi tanzenden und von ausgelassen musizierenden Teilnehmern bei üppigen Feierlichkeiten, Grylloi ist als technischer Terminus legitim, der über den engeren Rahmen der Malerei hinausgeht, denn bei den Grylloi handelt es sich ja nicht um eine Malereitechnik oder eine bestimmte künstlerische Ausdrucksform, sondern um ein zum Gegenstand künstlerischer Darstellung gewähltes Motiv. Lorna, ein später, putzige Spross aus dem Geschlecht des Antiphilos. Plinius als Gewährsmann. Queen Lorna. Ihr ist der Grillenkäfig in Liebe gewidmet. Lorna’s lunatic lightnings may be understood as flash from her mind to the viewer's. A bolt from the blue sky. But she may never reach her viewer. Or she may never get out of her mind. Or she may never get out of your mind.
Blitze und zucke auch Du.
Und dann, der erlösende Schauer.


From:<bernue@galerie-imaginaire.de>"
To: „Malte Wienebüttel“
Sent: Saturday, October 31, 2009 11:09 AM
Subject: Fw: Re.: ballhornisch Konglomeratisches


Lieber Malte,

ich habe es schon immer geahnt, Du bist ein konkludenter Kollusionist.
Mit deinem Text bin ich einverstanden. Für Lorna. Aber wo bleibt der Name Lorna? Woher kommt der Name, warum lässt Du das aus? Ich war mir doch einigermaßen sicher, dass er durch die großen, umlaufenden Letternfriese „Lorna in Liebe gewidmet“ in den Lichthöfen der Bibliothek der Universität der Künste und der TU-Berlin inspiriert sei und nicht etwa durch die Film-Lorna von Russ Meyer aus dem Jahr 1964, wie Peter Benkert es vermutete. Spätestens während der Besuche Lornas in der Aufstellung meiner „Physiognomische Fragmente“, um dort eine entfernte Verwandte** zu treffen, stellte sich die Frage in aller Dringlichkeit. Der Schriftzug schien für sie eine Menge zu bedeuten, nicht ahnend, dass ihre Anwesenheit eine Kunstkollision provozieren könnte. Lorna confusa kennt nicht die klugen Sentenzen Sol Lewitts. Dass ein Kunstwerk nie den Betrachter erreichen mag. Ich füge hinzu, wohl besonders gern, wenn er selbst ein Künstler ist. Womit ich wieder bei der Ziege im Hirn bin, beim Widerspruch in sich.

Amüsant finde ich, dass Lornas fiktionaler Stammbaum ganz wesentlich aus Bibliotheken hervor gegangen ist, aus der Realität in den Regalen. Vielleicht zog es sie deshalb in die Bibliothek.
Salut
Bernhard

From: "Malte Wienebüttel“
To: <bernue@galerie-imaginaire.de>
Sent: Fryday, October 30, 2009 2:03 AM
Subject: Lorna

Lieber Bernhard,

zur Erinnerung: Du hattest in Spandau die Lornafigur vor die große Bilderwand der „Knotenmotive“ gestellt, damit sie sich Das anguckt. Und eventuelle Besucher anregt, sich Das anzugucken. Wir sind mit der Story um Lorna offensichtlich dabei, den Malereien die Schau zu stehlen.

Salut & Schluss der Debatte
Malte

* siehe 11. Kapitel, Die Grillenfänger
** Das Kopfstück „Friederike Flashaars Tochter“, schlesischer Marmor, 1996, Lornas Keramikkopf stammt aus der Negativform dieses Kopfstücks.