| |
Quelle:
Bernhard Nürnberger: Der Gryllenkäfig, S. 20 ff, Verlag der
Universität der Künste Berlin, 2010
________________________________________________________________________________
From: Bernhard Nürnberger
To: Reinhard Bitter
Sent: Friday, May 29, 2009 7:51 PM
Subject: Broschwitz Eröffnungsrede 1998
Lieber Reinhard,
im Anhang findest Du Deine Rede für meine Ausstellungseröffnung
bei Broschwitz am 10. November 1989. Das war ein Tag nach der Öffnung
der Mauer. Dem Galeriefenster direkt gegenüber stand sie unverändert.
Die Rede musst Du vorher geschrieben haben, sonst hättest Du sicher
angesagt, meine Zeichnungen würden dank Begrüßungsgeld
wie die Westwaren aus den Westkaufhäusern abgeräumt werden.
In der Nacht davor war ich vom Übergang Invalidenstraße aus
zu Fuß gegen den Strom in das ausgeblendete Territorium Ostberlin
eingedrungen. Sehr eigentümliche, verunsichernde Wahrnehmung der
Chausseestraße und Friedrichstraße. Mein Versuch durch den
merkwürdig ruhigen Tränenpalast zurück auf sicheren Westboden
zu gelangen, scheiterte allerdings an einem einschüchternd wütenden
Grenzorgan. Ich hatte keinen Ausweis dabei. Die Einladungskarte meiner
Ausstellung reichte nicht, selbst in dieser Nacht. Demütiger Rückzug.
Lief den weiten Weg zum Übergang Invalidenstraße zurück.
Panik, lassen die mich wieder raus? Alles ging glatt mit dem Strom der
Massen.
So konnte ich am nächsten Abend Deiner wunderbaren Rede lauschen.
Ich würde gern etwa davon in das Buchprojekt ausnehmen.
*
Reinhard Bitter
Auszüge aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung “Metamorhosen,
Malereien & Zeichnungen” in der Galerie Broschwitz (Berlin
Kreuzberg), November 1989
Wirft man nur lose fragend Blicke durch die beiden übersichtlich
gehängten Räume, so ist man erstaunt, wie viele Bilderblicke
einem antworten. ... Über viele dieser Studienblätter auf
Papier kann ich ins Schwärmen geraten wegen ihrer Taufrische, wegen
ihrer gedanklichen Beweglichkeit und ihrer technischen Schnüffelarbeit.
Sie sind zum Teil Skizzenbüchern entnommen, aber sie entbehren
nichts – sie wirken in sich so schlüssig, daß sie weggehen
müssten wie die warmen Semmeln. ...
Der erste Eindruck wird aber auch von den Figuren bestimmt, die wir
auf diesen Bildern überall sehen, von einem besonderen Merkmal,
das sie alle zeigen: Sie entfernen sich vom Erscheinungsbild das Menschen,
sie haben den alltäglichen Normalzufall individueller Gestalten
verlassen, all das Anekdotische eines lokalisierbaren Milieus und beanspruchen
für sich einen hoch artifiziellen Raum. ...
Verwandlungen spielen dabei eine große Rolle: Hautfarbe friert
ein zu Blau, Grün und Violett, Organe werden transplantiert, Skelett
und Fleisch wechseln dauernd die Rollen.
Insgesamt sprechen diese neugestalteten Akrobatensippen eine sperrige,
zunächst schwer verständliche Sprache, aber es ist doch unmissverständlich
die lingua nurembergensis.
Das mechanische Bewegungspotential ist auch kaum zu entziffern; durch
bestialische Knochenzugaben und eigentümliche körperliche
Absonderungen scheinen diese Attrappen befähigt zu jedem aggressiven,
ungesteuerten Ausbruch.
An anderer Stelle wirken sie gezähmt in ihrer hermenhaften Statuarik.
Sie überschütten uns jedenfalls durch ihre metamorphe Organbildung,
durch Masken und Requisiten mit Kaskaden von Gefühlen. Diese Wechselbäder,
die Paradoxien der Figuren zwischen Projektionsschirm und Pappkamerad,
klassischem Muskelmann oder Mechanomannequin (E. Roters) und aufgebrochenem
Stück Wild führen uns weit weg von einer Begegnung mit dem
Oberflächenschein der wirklichen Menschen. Wir werden in einen
Strudel von Impulsen verwickelt und nach und nach verliert man die Orientierung.
... Ich stelle mir ganz einfach die Frage, was konglomeriert hier, was
hat hier zusammengefunden in diesen jetzt namenlosen Gesten und Gestalten?
oder anders: Welche Erfahrungsebenen könnten es sein, auf die B.
N. reagiert? Was ist das, was ihn so fasziniert?
Das MATERIAL
Der KÖRPER
Die Tradition der großen KUNSTWERKE .
Eine erste Schiene der Faszination bilden für B. N. neben den Malmaterialien,
die Rohmaterialien. ... Er weiß, was ihn interessiert. Ein Sortieren
der Materialien, die er anschleppt, die er verwertet, mit denen er aufbaut,
ist schwer. Es sind jedenfalls die jenseits aller Glätte, aller
handwerklichen Gediegenheit, aller utilitaristischen Funktionszusammenhänge.
Mir fallen nur Sch- Wörter
ein: schrottig, schrundig, schwundig, also das "Scheißzeug",
das "Schäbige" im bürgerlichen Verwertungsverständnis.
Wir könnten wohl alle seine gebauten Figuren mit Herr oder Frau
Überbleibsel anreden. Das ist eine nicht ganz neue Aristokratie
im 20. Jahrhundert, aber sie gilt eben nichts in der Anspruchsgesellschaft.
B.N. hat sich einen entscheidenden Sinn für diese Rohmaterialien
bewahrt:
Er schätzt an ihnen den gültigen Vorzug des Durchlässigen.
In seinem Verständnis eignet sich gerade dieses Material für
eine Metamorphose; es ist imstande, dem Fremden sich anzuverwandeln.
Das zweite Faszinosum ist für B. N. der Körper. Schrott ist
bei näherer Betrachtung nur vielschichtig, er zeigt unendlich viele
Aspekte, wie man sie auch dem Körper abgewinnen kann. B. N. ist
uns in den Wahrnehmungs – und Gebrauchsgewohnheiten voraus, die
wir gegenüber dem Körper pflegen. Er kennt z. B. kaum Passprobleme.
Er baut bestimmte Komplexe applikativ nach, er lässt den Körper
ungeahnt, undefiniert gestikulieren. Und macht ihn zu dem, was man noch
nicht kennt. Obwohl man ihn in allen seinen Möglichkeiten zu kennen
glaubt. B. N. hat sich über unerwartete Bewegungen und durch Nachbauten
sowohl in kontroverser, als auch in wieder findender Absicht eine Sprache
erarbeitet, die ihm neu und andersartig über Körper zu sprechen
erlaubt.
Unglaubliches passiert ganz versöhnlich neben dem Normalen, der
Körper mausert sich blitzschnell aus dem Zustand der überfahrenen
Taube, der platt gewalzten Frösche in sehnig vibrierende Gelenkigkeit,
aus Frösteln, Flattern und Zittern in seidig glänzende Wohligkeit,
schrille Bewegtheit schlägt urplötzlich in hölzerne Erstarrung
um. Das Gewohnte ist zur Minderheit verdrängt, das normale Aussehen
spielt im Stimmengewirr nur hin und wieder die Rolle von vernehmlichen
Satzbrocken.
Das Dritte, was B. N. wohl tief begeistert, ist die Tradition der Bildenden
Kunst.
Man ahnt es gar nicht, dass in seinem Atelier sprich: in seiner ozeanischen
Sammelhöhle alte Meister auf seine Arbeit herab schauen, denen
er sich verpflichtet fühlt
meist die dunklen: Grünewald, De la Tour usw. Man muss sich gemäß
den Titeln, die einige Blätter hier tragen einmal vorstellen: Bernhard
– in Rom mit dem Zeichenblock kniend vor Marmor und Gips! Erst
wenn man unbeirrt von den großen Namen auf diese Arbeiten hinschaut,
sehen wir, was er für Funken aus dieser Reibung schlägt. Lassen
wir uns also nicht täuschen; hier ist nichts nostalgisch breit
getreten, eher zeigen sich die Ankerketten zeitgenössisch ironisch.
Dem Künstler vielleicht weniger bewusst stehen seine Gestalten
auch bekannten aus dem 20. Jahrhundert Rede und Antwort: Der manichino
der pittura metaphysica, der
mechanische Kopf des Raoul Haussmann und andere Assemblagisten sind
seinem Werk bekannt.
Ich sehe nun seine künstlerische Problemlage so, dass er die drei
genannte Erfahrungsebenen im Gemälde zu integrieren sucht. Im Mittel
der Farbe findet er die Legierung, die alle Verwandlungen ermöglicht.
Sie zeigt sich in der Lage, Rationales und Irrationales in sich verwickelt
auszuhalten, und sie erfasst die dissonierenden Figurenträume,
doch letztlich in erstaunlicher, warmer, warmer olivgrüner Ruhe
und Selbstsicherheit.
Reinard Bitter
10. November. 1989
From: Reinhard Bitter
To: Bernhard Nürnberger
Sent: Friday, May 29, 2009 7:51 PM
Subject: : Broschwitz Eröffnungsrede 1998
einverstanden
Reinhard
From: Bernhard Nürnberger
To: Reinhard Bitter
Sent: Friday, May 29, 2009 7:51 PM
Subject: videostills
Lieber Reinhard,
noch etwas:
Ca. 1987/88 hatte ich zwei kleine Videofilme mit meinen Assemblagen
und Sammelstücken zusammengebastelt…
(Fortsetzung: siehe Kapitel 7)
|
|