5. Kapitel

Die Kapuziner Grotte

 

Quelle: Bernhard Nürnberger: Der Gryllenkäfig, S. 92 ff, Verlag der Universität der Künste Berlin, 2010

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----- Original Message -----
From: Bernhard Nürnberger
To: maltew@t-online.de
Sent: Monday, December 06, 2008 9:50 AM

Lieber Malte,
deine Einleitung für das 5.Kapitel lasse ich fallen. Ich bitte um Verständnis. Du lässt mich behaupten, die Schwarzweißnegative seien mir von einem geheimnisvollen Rathausangestellten zugeschickt worden, der die Figuren bei ihrem eigenständigen Treiben nach Dienstschluss beobachtet und fotografiert haben will. Das klingt doch etwas zu romantisch. Ich bekenne mich also jetzt zu meinen dilettantischen Knipsversuchen mit der auf der kurz vorher auf dem Flohmarkt gekauften Kiew 6 x 6. Und zu der Spontaninstallation der Assemblagen und Leinwände, der Prozession während des Abbaues der Ausstellung.
Den Titel ändere ich. Wie wir es geahnt haben: „Der Aufstand der Dinge“ existiert bereits. Es ist der Titel eines Buches von Ehrhard Kästner (1973). Und es ist die Bezeichnung für einen peruanischen Mythos.
„Diesem Mythos zufolge werden die nützlichen vertrauten Dinge des Alltags aus dem häuslichen Sachbesitz der Indianer plötzlich lebendig. Löffel, Teller, Gürtelspange und Silberschmuck haben Beine und Arme und eilen im Laufschritt auf die bewohnten Räume zu. Mit Waffen in der Hand sind sie im Begriff, die schlafenden Menschen zu attackieren.“ (Krickeberg, 1928).
(zitiert nach Hahn, Materielle Kultur, D. Reimer Verlag 2005, Seite 48)
5. Kapitel: „Der Aufstand.“
Der erste und der vorletzte Abschnitt deines Textes sollen aber erhalten bleiben :
In der Ausstellung sind Malereien menschlicher Körper, figürliche Assemblagen und Malereien nach diesen sowie Bronzeplastiken zu sehen. An den Schmalseiten der Halle sind eine Serie Tafelbilder mit lebensgroßen Akten einem „Wald“ der kleinen in Augenhöhe montierten Bronzen gegenüber gestellt. Im Zentrum freistehend die Installation „Schieferschieler sieht das Glück“ und zwei weitere Installationen, die das Sehen, die Vision thematisieren, Paraphrasen auf Dürers Unterweysung im Messen und Leonardos Verkündigung.
(....)
Die Attacke der Assemblagen
Nach den Bürostunden ist es sehr still in der Halle mitten im weitläufigen Bau des Rathauses. Wir sind auf den Gedanken gekommen diese Prozession zu inszenieren, zum eigenen Plaisir, ohne ein Publikum. Wir brauchen euch nicht, wir brauchen nicht eure Phantasie um lebendig zu werden. Und wir sind es Leid, die Vorlagen für die angeblich höherwertigen Tafelbilder abzugeben. Wir sind keine Stilllebenarrangements. Wir leben und wir bewegen uns frei im Raum, wir ( …) tragen die Malerei in einem feierlichen Akt zu Grabe , wir sind die Handelnden, ....
Dein geheimnisvoller Rathausangestellter landete mit seiner Idee einen Volltreffer.
Die Assemblagen bei der Demonstration ihres Eigenlebens ertappen.
Leider werden wir nie heraus bekommen, ob er Ehrhard Kästner, de Indianermythos oder den Diskurs zur „materiellen Kultur“ kannte. Wohl eher nicht.
Salut!
Bernhard

----- Original Message -----
From: : maltew@t-online.de
To Bernhard Nürnberger
Sent: Fryday, January 05, 2009 22:07 PM

Lieber Bernhard,
kommt bisschen spät, dein Kurswechsel. Fast mein ganzer Text für umsonst...
Also o.k., aber der letzte Abschnitt sollte auch dabei bleiben...

Unsere Botschaft ist hinreichend klar erschienen. Maler lass das Malen sein.
Was die verlebendigten Assemblagen nicht ahnten, ihr Fotografenkomplize nicht ahnen konnte, der Maler hatte die Weichen bereits in eine andere Richtung gestellt, der Schwerpunkt seiner Tätigkeit verlagerte sich in den nächsten Jahren auf die Bearbeitung steinerner Köpfe, Malerei und das Bauen von menschenähnlichen Figuren gerieten auf ein Nebengleis. Das Kopfstück aus der Installation „Schieferschieler sieht das Glück“ kündigt es selbstbewusst an.
...doch dabei bleiben, zumal ich glaube, dass der „Angriff der Dinge“ auf deine Malerei ziemlich erfolgreich war. Warum sonst siehst Du Dich noch 13 Jahre später veranlasst, deine Figuren in einen Käfig einzusperren. Ich habe mir die ‚byzantinischen Aufzeichnungen’, den ‚Aufstand der Dinge’ von Kästner besorgt und bin dabei zu lesen. Kästner hält (als gestandener Kulturpessimist im 20. Jahrhundert) dafür, dass sich die Dinge, weil sie nur noch als „funktionierend“ begriffen werden, sich vom Menschen „wegziehen“, in Streik treten. (> de Chirico!) Er hält dies nicht für eine Erkenntnis der Künstler der Moderne (Dadaisten, Sürrealisten). „Es handelt sich um die Dinge. Sie waren es, die austraten. Sie waren es, die genug hatten, in Streik traten, ihr Nicht-Einverstanden erklärten. Ihren Widerwillen, ihren Abscheu, ihren Ekel. Ihre Empörung, ihre Wut, ihre Drohung; zuweilen auch etwas von den Humoren, von denen gesagt wird, daß sie auf dem Weg zum Galgen vorkommen.“
Hier aus Kästners Text eine weitere Lesefrucht für deinen Frühstückstisch:
„Das automate Treiben von Fundstücken, die man auflas, zueinander brachte, mit einander treiben ließ, was sie wollten: als nicht was man selbst wollte, eben nicht, vielmehr was sie wollten, wobei man fast bloß zuschaute.“
Ist dir eigentlich klar, dass dein „Schieferschieler sieht das Glück“ Dürers Messversuche und dein Stück „Kunst braucht Muße“ das Sehen ins Abstruse (ins Weggezogene?) verlagern?
Die Fähigkeit, die Dinge in ihrer Art wirklich wahrzunehmen, braucht nach Kästner Zeit und Vertrautheit mit ihnen. In ihnen stecken immer mehr Informationen, Bedeutungen und Funktionen als wir ahnen. Kurz: nicht nur die Kunst, auch die Dinge brauchen Muße.
Ein weites Feld, nicht zu Ende gedacht.
Salut!
Malte

 

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