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Quelle:
Bernhard Nürnberger: Der Gryllenkäfig, S. 72 ff, Verlag der
Universität der Künste Berlin, 2010
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From: Bernhard Nürnberger
To: Reinhard Bitter
Sent:
Subject: Video Stills
Lieber Reinhard,
(...) noch etwas:
Ca. 1987/88 hatte ich zwei kleine Videofilme mit meinen Assemblagen
und Sammelstücken zusammengebastelt. Daraus habe ich jetzt einen
Streifen von "Stills" recycled. Ich habe die Einzelbilder
vom Bildschirm des Rechners mit meinem Mobiltelefon „abfotografiert“.
Ergebnis: Ein Farbenrauschen, Bilder fern der Realität des Materials,
das ich verwendet hatte.
Meine Videoexperimente dauerten nicht lange. Es war, so sehe ich es
jetzt im Rückblick, mein erster Versuch eine Gruppe meiner starren
Assemblagefiguren zu Leben zu erwecken. Mit Schwenk und Fahrt und Zoom
und bewegten Scheinwerfern in Bewegung zu bringen. Ort des Unterfangens,
meine „ozeanische“ Malerhöhle in der Stierstraße.
Ich ließ die VHS-Kamera auf einer prekären Konstruktion um
die Objekte kreisen. Kurvte mit ihr freihändig nahe den Oberflächen
herum. Den Zusammenschnitt, bewerkstelligte ich auf zwei Dinosauriern
von Schnittrecordern in meiner Schule. Lange Nachmittage im Kampf mit
dem Gerät. Der automate Schnittsalat entwickelt regelmäßig
eine höhere ästhetische Qualität als mein Wollen. Dem
Machwerk gab ich den Titel: „Golem,“ was sonst, die Verselbständigung
der Mittel.
Magst Du dich dem Bilderstreifen widmen?
Ich habe ihn ins Netz gestellt, Du findest ihn unter
HYPERLINK "http://www.bernhard-nürnberger.de/pic7a-videostillsband.htm"
Herzlich Salut!
Bernhard
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From: Reinhard Bitter
To: Bernhard Nürnberger
Sent: Friday, May 29, 2009 7:51 PM
Subject: Video Stills
Hallo Bernhard,
mehr fiel mir nicht ein.
Gruss
Krabbeln
Wer als Säugling vor allem auf Auslegware ausgesetzt wurde, wird
sich später nur schwerlich an Krabbeln auf Waldböden erinnern.
Ich erinnere mich mitunter und gönnte mir ´mal mit Alice
ein Picknick im Kiefernwald; angeblich um in frischer Luft zu feiern
und zu futtern - der Boden war der tiefere Grund.
Unbekannte Stelle - die gebreitete Decke knisterte verheißungsvoll
beim Hinsetzen, die erste Überraschung ließ nicht lange auf
sich warten.
Mistkäfer kennen ja den Metropolenmoloch und die damit verbundenen
Fluchtversuche nicht und kümmern sich nicht lange um Landkarten.
Wenn man sie bemerkt, glaubt man, sie flüchten. Ist es so oder
flanieren sie? Prompt machte unserer in der Kniebeugenfalte von Alice
Rast. Dann ging`s wacker weiter über die gespannten Jeans. Preußisch
Blau aus der Tube ist zwar eine ansprechende Farbe, die des Käfers
betört erst richtig, frisch aus der Lackiererei bei Mercedes. Unbekümmert
(oder etwa doch hungrig oder in sexueller Not?) torkelte er in Richtung
Waldboden und entließ uns aus seiner Welt.
Viel eher als auf den Mond geschossen zu werden, würde ich gerne
einmal in seine hineinschlüpfen, so ganz ohne Wörtersack und
Gedankenrauschen mich dem Nahsinn
Hingeben - mich von dem Halm rechts etwas seitlich heben – eigentlich
anrempeln lassen, die Grannen von dem links mit dem dritten Hinterbein
herabwürdigen, beim Stolpern und Fallen digital eine Mehrfachaufnahme
machen ( für später), ein braunes Blatt kurz mitschleifen
und die Bakterienpopulation aufschrecken. Ja und dann gibt es immer
mal einen Kuhfladen für längeren Aufenthalt oder kleinere
Kügelchen - das ist die Losung.
Voran also über Krisen und drauf zu.
Wie ein Käfer krabbeln, wie es kommt rum tentakeln, das Vermoosen
der hingeworfenen Plastikbecher gar nicht erst kennen, Farben verstolpern
und unterwegs ab und an fotografieren.
Irgendwann die Bilder wieder auf sich rieseln lassen, mit einem Beamer
bitteschön und am besten bei Bernhard Nürnberger.
From: Bernhard Nürnberger
To: Reinhard Bitter
Sent: Friday, May 30, 2009 9:43 PM
Subject: Video Stills
Lieber Reinhard,
was ist Dir da eingefallen. Das potz-blitz-blanke, Bitter’sche
Auge, das du bist, und retrospektiv hellsichtig dazu!
Mit gut 20 Jahren Verspätung fällt es mir bei Lesen deines
„Krabbeln“ wie Schuppen von den Augen: Mein Kamera-Ich war
bei meinen Videospielereien in den 80ern ein Käfer! Ein Spulen-Dreher.
Danke für die Erkenntnis.
Ich hatte nach dem „Golem“ ein zweites Video in Angriff
genommen. Dazu die Fundstücke-Realität aus meinen Sammelregalen
auf eine große bewegliche Trommel montiert, so dass Gassen und
Durchlässen zwischen ihnen entstanden, durch die ich mit der VHS-Kamera
im Nahaufnahmemodus hindurch spazieren konnte. - Bilder daraus habe
ich mit denen vom „Golem“ im Streifen der stills vermischt.
– Du hilfst mir, das zu begreifen, was ich damals machte. Du bringst
es in eine schöne Metapher, in den Blick des Käfers.
Kürzlich beim „Abfotografieren“ von Einzelbildern aus
dem Filmchen „Große Walze“ hörte ich die Geräusche
des harten Aneckens und Rempelns der Kamera an Holz- und Knochen- und
Plastikhindernisse. Sah das Wackeln und Verrucken des Bildes, begleitet
von meinem unterdrückten Fluchen und Stöhnen, weil ich natürlich
möglichst lange, gleitende Kamerafahrten knapp über den Oberflächen
des ganzes Zeugs haben wollte. Mit Warntentakeln ausgestattet wär’
das nicht passiert. Und am Besten fand ich die Aufnahmen, welche die
Dinge gar nicht erst kennen wollten. Einige davon nahm ich als Gegenstand
(so) für das Malen von Stillleben.
Schluss jetzt, genug Pirouetten gedreht.
Salut
Bernhard
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